Steffen Arta - Geschäftsführer der Stadtwerke Dreieich

Die Preissituation ist dramatisch

Der Herbst steht vor der Tür – und mit ihm der Beginn der heizintensiven Zeit. Schon bald wird sich zeigen, ob die monatelangen politischen Anstrengungen ausreichen, um einen Gasmangel zu verhindern. Gleichzeitig ist Energie so teuer wie nie zuvor. Gründe genug für Geschäftsführer Steffen Arta, im Interview die aktuelle Lage für Kundinnen und Kunden sowie die Rolle der Stadtwerke Dreieich näher zu beleuchten.

DIREKT: Herr Arta, ein langer, heißer Sommer liegt hinter uns. Folgt jetzt ein kalter Winter im eigenen Zuhause?

Steffen Arta: Die Lage der Gasversorgung ist nach wie vor ernst. Trotz aller Vorkehrungen. Das belegen die täglichen Berichte der Bundesnetzagentur auf ihrer Website. Sie machen deutlich, wie extrem Russland die Importe seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine immer weiter reduziert hat. Zwar liefern unsere europäischen Nachbarn, die Niederlande, Belgien und Norwegen, nach wie vor zuverlässig die vereinbarten Mengen. Aber unter dem Strich fehlt bislang noch einiges.“

 

Aber Deutschland arbeitet doch seit Monaten daran, neue Gasbezugsquellen zu erschließen.

Das ist richtig. Und Deutschland hat die Importe aus Russland bereits deutlich reduziert: von über 50 Prozent auf rund 35 Prozent. Zugleich soll der verstärkte Einkauf von Flüssigerdgas (LNG) einen kleinen Teil des russischen Gases ersetzen. Das alles ist ein Anfang, reicht aber bei Weitem nicht, um die fehlenden Mengen auszugleichen. Das heißt, trotz aller Vorkehrungen, einschließlich der neuen Vorgaben für die Befüllung der Erdgasspeicher, kann es im Winter zu Versorgungsengpässen kommen – vor allem, wenn der lang und kalt wird.“

 

Was käme denn auf Dreieich zu, wenn es wirklich zu einem Gasmangel kommt?

In diesem Fall greift die dritte Stufe des sogenannten Notfallplans Gas, die Notfallstufe. Wir als Stadtwerke haben dabei nur eine beobachtende, koordinierende Rolle und kümmern uns um die Sicherheitsaspekte. Das Zepter hält dann die Bundesnetzagentur in der Hand. Die Behörde entscheidet, wer weiter Gas erhält und wer nicht. Dabei differenziert der Notfallplan Gas zwischen geschützten und ungeschützten Kundinnen und Kunden. Privathaushalte, Krankenhäuser oder etwa die Wasserversorgung erhalten weiterhin wie gewohnt Gas. Anders verhält es sich bei den nicht geschützten Verbrauchsgruppen. Dazu gehören deutschlandweit etwa 2500 Industrieunternehmen, die dann angeordnet Gas sparen oder sogar den Betrieb einstellen müssen. Unsere Aufgabe als Stadtwerk ist es, darauf zu achten, dass die betroffenen Betriebe in Dreieich die Vorgaben einhalten. Dazu kommen zahlreiche kleinere, nicht geschützte Unternehmen, die per Allgemeinverfügung zum Gassparen aufgefordert werden können.“

 

Und das funktioniert?

Ich vertraue darauf – ja. In Summe sollten all die Maßnahmen dazu führen, dass die verbliebenen Gasmengen für den Rest zur Verfügung stehen. Energieversorger, Behörden, Politik und die Industrie stehen seit Monaten im engen Austausch und arbeiten daran, dass der Notfallplan funktioniert. Aber klar, es gab noch keine Probe aufs Exempel.“

 

Und wenn nicht alles läuft wie geplant?

Wie gesagt – ich rechne damit, dass die aktuellen Maßnahmen ausreichen, um einen Gasmangel zu verhindern. Die Industrie verringert ja schon ihren Verbrauch, ersetzt zum Beispiel Gas durch Öl. Außerdem nimmt die Bundesregierung vorübergehend Kohlekraftwerke wieder in Betrieb, um die Verstromung von Gas zu verringern. Auch die privaten Haushalte liefern bereits ihren Beitrag: In den ersten fünf Monaten 2022 hat sich der Verbrauch im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent reduziert. Aber selbstverständlich bereiten wir uns auf alle Szenarien vor. Denn sollten zum Beispiel Gasflüsse ausbleiben und der Druck im Netz fallen, wären auch Haushalte ohne Gas. Dann sind wir als lokaler Akteur besonders gefragt. Wir müssen in jedes Haus, die Gasanschlüsse sichern und die Heizungen außer Betrieb nehmen. Dasselbe andersherum, wenn der Gasdruck auf ein entsprechendes Niveau steigt. Tritt dieses Szenario ein, dauert es Wochen, bis die Heizungen wieder funktionieren.“

 

Immer wieder ist von 15 bis 20 Prozent weniger Gasverbrauch die Rede, um eine Mangellage zu verhindern. Wie einfach oder schwer lässt sich das zu Hause erreichen?

Ich glaube, dass es im Grunde gar nicht so schwer ist – aber stark vom eigenen Verhalten und vom Bewusstsein abhängt. Verringere ich zum Beispiel allein die Raumtemperatur von 22 auf 20 Grad, spart das aus dem Stand zwölf Prozent – also sechs Prozent pro Grad. Dann trage ich vielleicht einen Pullover statt eines T-Shirts oder decke mich auf dem Sofa zu, aber die Wohnung ist immer noch warm. Unsere Großeltern kennen das noch, viel bewusster mit Heizen und Lüften umzugehen. Wir können uns den Überfluss einfach nicht mehr leisten. Die günstigen Energiezeiten sind vorbei.“

 

Was machen denn die Stadtwerke Dreieich, um den Gasverbrauch zu verringern?

Ganz klar leisten auch wir unseren Beitrag. Wir halten uns dabei an die politischen Vorgaben und heizen die Räume zum Beispiel nur noch auf 19 Grad. Mehr Potenzial bietet das Hallenbad. Wir werden es weiter offen halten, aber den Warmbadetag in diesem Winter aussetzen. Auch die Wassertemperatur in den Becken senken wir ab.“

 

Sparen Sie persönlich auch Energie?

Die Heizung habe ich schon auf 19 Grad runtergedreht, Hände wasche ich nur noch unter kaltem Wasser. Außerdem dusche ich bewusster – also kürzer. Klar, das klingt alles wie Peanuts, aber bei knapp 84 Millionen Menschen summiert sich das auf durchaus nennenswerte Größenordnungen.“

 

Sind Stromheizungen eine Alternative?

Sie können keine Gastherme ersetzen und sind zudem im Betrieb sehr teuer. Sollte mal kein Gas zur Verfügung stehen, lässt sich mit einem Radiator oder Ähnlichem sicher ein Raum erwärmen. Aber mehr nicht. Allerdings teile ich nicht die Sorge, dass Stromnetze durch den vermehrten Einsatz dieser Geräte dauerhaft an ihre Grenzen kommen. Wir haben ein Gasproblem, aber europäisch gesehen kein Stromproblem. Ich kann mir zwar vorstellen, dass Stromnetze mal in die Überlast geraten und dass dies einen lokalen Blackout über zwei, drei Tage auslöst. Aber nicht länger.“

 

Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur die Versorgungssicherheit in Deutschland infrage gestellt, sondern die Preisexplosionen auf dem Energiemarkt weiter angeheizt – beim Strom und beim Gas. Wie beurteilen Sie die Lage?

Die Preissituation beim Strom und beim Gas ist dramatisch. Und das schon seit einigen Monaten. Daran lässt sich nichts beschönigen. Die Energiepreisrallye hat im Oktober vergangenen Jahres begonnen. In der Rückschau erscheint das allerdings wie ein kleines Lodern. Seit Kriegsbeginn im Februar dieses Jahres sind die Preise geradezu explodiert, weil keiner weiß, wann wie viel Gas zur Verfügung steht und was auf welchen Wegen an Ersatz beschafft werden muss.“

 

Was kommt auf die Kundinnen und Kunden der Stadtwerke zu?

Auch wir mussten die gestiegenen Beschaffungskosten zum 1. September beim Strom und beim Gas in der Grundversorgung weitergeben. Das betrifft etwa 11.000 Kundinnen und Kunden. Weil wir langfristig einkaufen – große Mengen haben wir zu den Konditionen von vor zwei Jahren beschafft – können wir einen Teil der Entwicklung noch abfedern. Ein vierköpfiger Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 25.000 Kilowattstunden im Jahr zahlt dennoch etwa 1000 Euro mehr. Das ist ein ernst zu nehmender Posten, der vielen noch gar nicht bewusst ist.“

 

Rechnen Sie mit weiter steigenden Beschaffungskosten?

Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Preisspirale weiterdreht. Das Angebot lässt sich ja kaum noch weiter verknappen. Es sei denn, es kommt gar kein Gas mehr aus Russland. Deshalb bin ich optimistisch, dass wir das aktuelle Preisniveau beim reinen Energiepreis bis Ende 2023 halten können.“

 

Aber ab 1. Oktober erhebt der Staat neue Umlagen auf den Gaspreis. Was bedeutet das auf der Kostenseite?

Ab Oktober zahlen alle Gaskundinnen und -kunden für jede verbrauchte Kilowattstunde neue Umlagen. Neben der sogenannten Gasbeschaffungsumlage, die bei 2,419 Cent je Kilowattstunde netto liegt, noch die Gasspeicherumlage, die mit 0,059 Cent je Kilowattstunde zu Buche schlägt. Das treibt die Preise natürlich noch einmal deutlich in die Höhe – ohne dass wir als Stadtwerk darauf Einfluss nehmen können – und betrifft auch alle Kundinnen und Kunden in den Festpreistarifen. Im Gegenzug plant die Bundesregierung allerdings Entlastungen. So soll die Mehrwertsteuer auf Gas befristet bis März 2024 auf sieben Prozent sinken.“

 

Das klingt fast so, als könnten einige Kundinnen und Kunden immer schwerer ihre Rechnung bezahlen.

Deswegen ist es so wichtig, die Abschläge anzupassen, um die höheren Kosten nicht in einer Summe zahlen zu müssen. Wir empfehlen, noch vor Beginn der Heizperiode – also im September, spätestens Oktober – den Zählerstand an uns zu übermitteln. Wir rechnen dann auf Basis des bisherigen Verbrauchs den voraussichtlichen bis Jahresende hoch und können anhand dieser Daten eine sehr genaue Abschlagsanpassung vornehmen. Bei allen, die ab September höhere Tarife in der Grundversorgung zahlen, haben wir die Abschläge bereits automatisch angepasst.“

 

Gibt es weitere Hilfestellungen?

Wir wissen, dass die Entwicklung für viele schmerzhaft ist. Daran gibt es gar keinen Zweifel. Um die Kosten wenigstens ein Stück weit zu kompensieren, hilft es tatsächlich, vor allem den Verbrauch zu verringern. Deshalb versuchen wir, unsere Kundinnen und Kunden auf unterschiedlichen Kanälen zu erreichen und vermehrt über Spartipps zu informieren – in der Kundenzeitung, auf der Website, auf unseren Social-Media-Kanälen.“

 

Wo liegen die größten Hebel?

Das größte Sparpotenzial bietet das Heizen. Hier kann praktisch jeder Haushalt dazu beitragen, den Verbrauch zu verringern. Allein durch Verhaltensänderungen. Die Heizung runterdrehen, wenn man nicht zu Hause ist, nicht alle Räume gleichermaßen heizen, stoßlüften statt Fenster kippen. Es gibt viele kleine Änderungen, die in Summe einiges bringen. Denn jede Kilowattstunde, die ich nicht verbrauche, schmälert die Rechnung. Verringert ein Musterhaushalt seinen Verbrauch von 25.000 Kilowattstunden auf 22.000 Kilowattstunden, spart er zurzeit in der Grundversorgung knapp 400 Euro im Jahr. Noch mehr wird es dann, wenn die neuen Umlagen greifen.“

 

Auch für viele Versorger ist die Lage aktuell sehr ernst. Sehen Sie die Stadtwerke Dreieich in Bezug auf die Herausforderungen ausreichend gewappnet?

Die Entwicklungen bei den Energiepreisen bergen für uns als Stadtwerk ernst zu nehmende Risiken – trotz unseres soliden und nachhaltigen Wirtschaftens. Das hat mehrere Gründe: Zum Beispiel rechnen wir mit einem Zeitversatz zwischen Inkrafttreten der neuen Gasumlagen und der Anpassung unserer Abschläge. Da aber die Bilanzkreisverantwortlichen die Gasumlagen ab 1. Oktober automatisch einziehen, müssen wir hier in Vorleistung gehen. Bei drei Monaten käme allein bei uns eine Summe von fünf Millionen Euro zusammen. Und offen bleibt, ob alle Kundinnen und Kunden die Forderungen überhaupt zahlen können oder ob wir als Stadtwerk die Lücke schließen müssen. Es gibt außerdem Wettbewerber mit Festpreistarifen, die wegen ihrer Verträge die Gasumlage nicht weitergeben können. Die stehen als Erste im Feuer, weil sie dann die Gelder aus eigenen Mitteln abführen müssen – falls der Staat keine alternative Regelung für sie schafft. Das ist bei uns glücklicherweise nicht der Fall.“

 

Gibt es weitere Risiken?

Definitiv. Sollten trotz aller Schutzmaßnahmen Vorlieferanten Insolvenz anmelden, müssten wir zu den aktuellen Marktpreisen Gas neu beschaffen. Damit wäre unser Preisvorteil durch unsere langfristige Einkaufsstrategie wieder obsolet. Gegenüber unseren Kundinnen und Kunden sind wir aber an Preisanpassungsfristen gebunden und könnten die gestiegenen Kosten gar nicht so schnell weitergeben. Wir treten dann also wieder in Vorkasse – sofern die Preise dann überhaupt noch bezahlt werden können. Andernfalls bleiben wir auf den Forderungen sitzen.“

 

Wie hat sich durch die aktuelle Krise Ihr Alltag verändert?

Ich bin ständig in Gesprächen und abrufbereit. Zum Beispiel stehen wir im engen Austausch mit allen Verbänden, der Bundesnetzagentur, der Stadt und mit der Kommunalpolitik, um uns auf alle Szenarien vorzubereiten. Sollte der Gasmangel eintreten, brauchen wir einen Krisenstab gemeinsam mit der Stadt. Auch mit der Großindustrie – das betrifft hier vor Ort vor allem ein Unternehmen – sind wir im regelmäßigen Kontakt und informieren über die aktuelle Lage. Gleiches gilt für die örtlichen Handwerkspartner, unsere Kundinnen und Kunden sowie die Presse.

Rückblickend war die Corona-Pandemie einfacher zu handhaben. Wir konnten als Unternehmen noch selbst agieren, um die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten. Zum Beispiel indem wir Netzteams trennten, das Kundenzentrum schlossen oder viele Mitarbeitende im Homeoffice arbeiten ließen. Das ist jetzt definitiv anders. Auf die Gasimporte aus Russland haben wir einfach keinen Einfluss – und damit auch nicht auf die sichere Versorgung mit Erdgas im nächsten Winter.“

 

Sehen Sie auch Chancen in der Energiekrise?

Die Gaskrise in Verbindung mit der Preisentwicklung wird die Energiewende auf jeden Fall beschleunigen. Denn jetzt geht es um existenzielle Fragen. Damit es gelingt, die Energieversorgung zu diversifizieren und den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben, kommt es auf das gemeinsame Handeln der ganzen Gesellschaft an: von Kommunen und Unternehmen über Stadtwerke bis hin zu jedem Einzelnen. Auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie wir Gas in Zukunft substituieren – die eine Ersatzlösung gibt es nicht –, rechne ich in den kommenden fünf Jahren mit vielen neuen Entwicklungen. Wir als Stadtwerk werden die Region dabei begleiten mit neuen Dienstleistungen wie dem weiterentwickelten Produkt Thermopur® für die Wärmewende zu Hause oder großen Wärmelösungen auf kommunaler Ebene.“